FISCH-LAND

FISCH-LAND

 
 


13. August 2014 um 11 Uhr
Fisch-Land-Reise mit dem Rad
Treffpunkt Hafen Althagen




     
  FISCH - LAND

Alle wollen Fisch und manche Kunst, wenn sie nach Ahrenshoop auf das Fischland kommen. Da war es naheliegend, dass wir diesen schmalen Landstrich zwischen Meer und Bodden, über den Uwe Johnsons literarische Hauptfigur Gesine Crespal sagen lässt: das Fischland ist das schönste Land der Welt, einen ganz besonderen Blick widmen. Wie geht es den Fischern, die vor der Kunst die Region prägten?

Dank einer Förderung durch das Landwirtschaftsministerium, des Landkreises Vorpommern-Rügen und der Gemeinde Ahrenshoop mittels EU-Geldern erforschen die Autoren Simone Trieder aus Halle und Volker Harry Altwasser aus Rostock sowie die bildenden Künstlerin  Marie Luise Meyer, ebenso aus Halle, und Reinhard Thürmer aus dem vorpommerschen Wolthof diese Situation mit künstlerischen Mitteln. Im Festivalkatalog sind erste Ergebnisse davon zu lesen – als nur ein Beispiel, wenn die StipendiatInnen des Künstlerhauses Lukas während ihrer Aufenthalte globale Fragen mit den hier lebenden Menschen thematisieren. Den Abschluss wird dieses Projekt in einer Radwanderung finden, zu der eine Landkarte erscheint.
Informationen dazu ab Anfang Juli 2014 über www.zuflucht2014.de
Anmeldungen: post@kuenstlerhaus-lukas.de


Simone Trieder
Althagen Saaler Bodden Dezember 2013

Es wird nicht heller. Dann also los - der Fisch wartet. Schietwetter. Dicke Socken, Pulswärmer, Gummistiefel und das Ölzeug drüber. Drei Fischkästen, orange wie das Ölzeug, in die Handkarre. Und runter an den Bodden. Alles rein ins Boot. Na, dann wollen wir mal. Ne, nicht Petri Heil, das sind die Angler. Zwanzig Minuten sind es bis raus zu den Netzen. Man weiß nie, wie viel drin ist. Das ist jeden Tag anders. Sonst wär es ja auch langweilig. Wenn Nebel ist? GPS. Die Alten fahren immer noch mit dem Wind, Motor runter und die Nase in den Wind. 1500 Netzmeter, das braucht schon seine Zeit. Die Oberleine unter den Arm geklemmt und rausgepukt den Fisch. Die Maschen sind auf Zander. Die Masche macht den Fisch. Der steckt seinen Kopf durch die Masche und mit den Kiemen bleibt er stecken. Er will wieder raus, der kämpft ja um sein Leben. Und wickelt sich immer tiefer ins Netz.
Da draußen ist es schon schön. Die Möwen, der Wind - und der Motor. Und keiner labert rum. Wenn die Fische quieken würden, das wär nichts für mich. Obwohl - so stumm, wie man immer sagt, ist er gar nicht, der Fisch. Der kommuniziert mit Tönen in einer Frequenz, die wir nicht hören können. Manche knirschen mit den Zähnen. Und der Hering pupst. Der reguliert das über die Schwimmblase. Und Ohren haben sie auch. Das Webersche Knöchelchen. Beim Eisfischen wird das genutzt. Das Netz ins Loch und ein Brett aufs Eis. Und mit Knüppeln draufgeschlagen. Das Klappern stört den Fisch und er bewegt sich, mit etwas Glück direkt ins Netz. Ja, das ist heute ganz ordentlich, so 50 Kilo werden das sein. Nach dem Sturm, da denkt man ja, da muss doch was drin sein im Netz. Ist auch, aber nur Kram, kein Fisch. Ja, bei 50 Kilo muss man sich schon rühren, um das loszuwerden. Im Winter gibt‘s  viel Fisch und wenig Abnehmer. Im Sommer viele Abnehmer und wenig Fisch. Und im Frühjahr Schonzeit für den Zander und wenn Eis ist, ist auch Schluss. Wenn der Bodden zu ist, geht‘s auf die Ostsee, so bis drei, vier Grad Minus und auch nur bis Windstärke vier, maximal. Der Winterdorsch ist schön fett und schön fest. Nachmittags, wenn noch Licht ist, die Netze raus und morgens, wenns dämmert, die Netze mit den Fischen reingeholt. Jetzt im Winter ist ja nichts dran am Tag. Ja, so ist das. Die Arbeit ist hart, körperlich schwer, Berufskrankheiten sind Gicht, Rheuma und Rücken. Du bist ständig nass, dreckig und stinkst. Aber man ist sein eigener Herr.
Was ist, wollt ihr einen mitnehmen? Ich mach euch den küchenfertig. Mit Kopf, das ist richtig, der Zander hat hier am Nacken noch schön was drunter und die Bäckchen nicht vergessen. Die Flossen ab, da hört man die starken Gräten. Schuppen ab, die möchte man ja nicht zwischen den Zähnen haben. Die Kiemen raus, dunkelrot sind die, schön durchblutet. Und den Bauch aufgeschnitten. Hier sieht man sogar das Herz noch schlagen. Die ganzen Innereien raus und die Schwimmblase. Schön abgewaschen, den Zander. Plötze gibt‘s hier auch und Barsch, schöne Fische, schmecken gut. Aber die will keiner mehr haben. Zuviel Gräten. Und stimmt das, dass der Stint stinkt? Wer erzählt denn so was, Stint riecht nach frischer Gurke! Übrigens, der Zander frisst den Stint. Und wir den Zander. So schließt sich der Kreis. Na, dann lasst´s euch mal schön schmecken.

Dank an Stefan und Burckhard Dade, Althagen
 
     
     
  Volker Harry Altwasser
Der Boddenfischer und die Kunst (Auszug aus Darß-Novelle)

Die Boddenfischer von Barth waren lange Zeit eine Institution, auch wenn die meisten vom Darß kamen. Der Vater des letzten Herzogs von Pommern hatten ihnen nicht nur das Recht auf freien Fischfang vor der Küste, sondern auch das ‚Zollrecht für Fisch jeglicher Art bis auf Walfisch‘ (1587) gewährt, was dazu führte, dass kaum ein Hering aus Mecklenburg auf pommerschen Tischen landete. Doch das war schon lange her. Damals war der Darß umstritten, die Grenze zwischen Pommern und Mecklenburg ging mitten durch die Halbinsel, mitten durch den Ort Ahrenshoop, in dem sich damals noch keine einzige Küstenkünstlerkolonie (KKK) fand.

Herzog Bogislaw der Dreizehnte wollte in Barth eine Konkurrenzstadt zur selbstherrlichen und freien Hansestadt Stralsund schaffen, weil diese es den pommerschen Herzogen Mal um Mal erschwerte, friedlich mit ihr zusammenzuleben. Die Hanse war im Ostseeraum mächtig – mächtig gehasst.
Über die Jahrhunderte hinweg blieb Barth – eben Barth, aber die Boddenfischer von Barth beherrschten zeitweise die Geschicke der Halbinsel Darß, und niemand konnte ohne ihre Erlaubnis auch nur einen Zaun versetzen. Dabei veränderten sich die Boddenfischer von Barth nie, sie trugen ihre Schlapphüte, die vor Regen und Blicken schützten, ihre Gummistiefel, die bis zum Knie reichten, sie badeten an jedem letzten Sonntag im Monat, und wenn sich Fremde auf die Halbinsel verirrten, glaubten sie nie, dass sie den Lenkern und Denkern gegenüberstanden. Das alles war aber, wie schon gesagt, lange her.
Der letzte Boddenfischer von Barth, sein Häuschen steht in …, war Klaus Klausen. Er überstand mit seiner ‚EMMA‘ die DDR-Zeit und gab erst auf, als die Treuhand von ihm verlangte, er solle die ‚EM-MA‘ kaufen, mit der er fast dreißig Jahre lang zur See gefahren war. Na gut, nicht zur See, aber auf dem Barther Bodden (BB).

Er beteuerte den Herrn aus Bonn Monate lang, er habe die ‚EMMA‘ vom Fischer Claus Clausen gekauft, schon vor ewigen Zeiten, aber die Herrn wollten Papiere sehen. Papiere! Das ganze Dorf bezeugte, dass er die Wahrheit sprach und das Papier unter Boddenfischern verpönt ist, aber die Bonner Herrschaft wollte nicht glauben, dass Klaus Klausen der Nachbar von Claus Clausen war.
Der Pfarrer wurde als Zeuge geholt, aber da hatte Klaus Klausen plötzlich die Lust verloren, sich weiter zu streiten. Er war nicht gern Mittelpunkt, es geziemte sich für einen Boddenfischer nicht, im Mittelpunkt zu stehen, ganz so, wie es den Hamburger Hanseaten ein Gesetz von 1242 bestimmte: ‚In der Zeitung steht man nur zweimal im Leben: Wenn man heiratet und wenn man stirbt‘.