Der Anlass

Der Anlass

 

DER ANLASS
20 Jahre internationale Künstlerförderung -
120 Jahre Künstlerhaus Lukas



Das bereits 1894 vom Maler Paul Müller-Kaempff erbaute Künstlerhaus Lukas wurde im Sommer 1994 von der einstigen Stiftung Kulturfonds als Arbeitsstätte für Künstlerinnen und Künstler aus ganz Deutschland sowie seit 1998 auch für Gäste aus den Ostsee-Anrainerstaaten eröffnet und mit Beginn des Jahres 2006 vom Land Mecklenburg-Vorpommern in engster Kooperation mit dem Künstlerhaus Ahrenshoop e.V. zu einem in Nordeuropa international erfolgreich arbeitenden Künstlerhaus mit einem länderübergreifenden Stipendiumaustauschprogramm erweitert. Im Jahr 2014 gilt es 20 Jahre erfolgreiche interdisziplinäre und internationale Arbeit mit einem lebendigen Stipendienprogramm zu würdigen und 120 Jahre ein Haus für die Kunst zu feiern.

Heute nehmen jährlich zwischen 50 und 70 Künstlerinnen und Künstler am Stipendienprogramm teil, kommen in die begehrte Arbeitsstätte nach Ahrenshoop oder gehen im Austausch in die Häuser der internationalen Partnerinstitutionen, um in monatlichen Arbeitsaufenthalten oder Workshops ihrer künstlerischen Arbeit ungestört nachgehen zu können. Gefördert wird in den Bereichen Literatur und literarische Übersetzung, in allen Bereichen der Bildenden Kunst sowie Komposition und Tanzperformance. Bedeutsam und sehr geschätzt ist das spartenübergreifende und länder-übergreifende Begegnen und Arbeiten durch die gleichzeitige Anwesenheit von monatlich bis zu 7 Künstlerinnen und Künstlern in Ahrenshoop. Jeweils am letzten Sonntag im Monat öffnet das Haus seine Türen für Ateliereinblicke, Lesungen, Konzerte der Neuen Musik oder Performances.

Das Neue Kunsthaus wurde im Januar 1994 ebenso vom Künstlerhaus Ahrenshoop e.V. im Vorgän-gerhaus Kunsthaus Guttenberg nach der Wende als erstes Haus zur ständigen Präsentation zeitgenössischer Kunst in der ehemaligen Künstlerkolonie Ahrenshoop gegründet und 1998 zum nachfolgenden größeren Neuen Kunsthaus erweitert. Es zeigt vorrangig Themenausstellungen, aber auch Einzelausstellungen, die seit mehreren Jahren gezielt die Arbeiten der Stipendiatinnen und Stipendiaten des Künstlerhauses Lukas einer breiten Öffentlichkeit vorstellen. Zahlreiche Lesungen, Konzerte und Diskussionsrunden begleiten das Ausstellungsprogramm. Im Jahr 2014 können auch hier 20 Jahre Vorreiterrolle bei der Präsentation herausragender und experimenteller zeitgenössischer Kunst in einem internationalen und spartenübergreifenden Kontext gefeiert werden.

Von Beginn an arbeiteten beide Häuser in zahlreichen thematischen Projekten bei der Entstehung und Etablierung künstlerischer Arbeit eng zusammen und sind Initiator verschiedenster Kooperationen in der einstigen Künstlerkolonie und dem heutigen Kunstort Ahrenshoop sowie bei ausgewählten Partnern des Baltikums und Nordeuropas.

In Mecklenburg-Vorpommern zählen beide Häuser zu den wichtigen Förderern und Vermittlern zeitgenössischer Kunst. Innerhalb Nordeuropas genießen beide Häuser ein hohes Ansehen besonders in der sparten- und länderübergreifenden Ausrichtung. Die zahlreichen Ausstel-lungsprojekte und Veranstaltungen der zurückliegenden fast zwanzig Jahre wurden und werden zunächst in beiden Ahrenshooper Häusern gemeinsam initiiert, vorbereitet, stets in Ahrenshoop gezeigt und wandern anschließend oftmals zu Partnerinstitutionen der Region sowie in ausgewählte Orte Deutschlands und Nordeuropas. In der gemeinsamen EDITION HOHES UFER AHRENSHOOP geben sie Dokumentationen, ausstellungsbegleitende Publikationen sowie experimentelle ori-ginalgrafische Gemeinschaftswerke und Objekte heraus.

DAS VORHABEN

Deshalb ist es naheliegend, dass beide Häuser erneut gemeinsam agieren und anlässlich ihrer Jubiläen das erste LANDESWEITE INTERDISZIPLINÄRE FESTIVAL DER ZEITGENÖSSISCHEN KUNST in Mecklenburg-Vorpommern initiieren und dabei unter dem Thema
ZUFLUCHT - VON DER SEHNSUCHT DES PARADIESES
neben der inhaltlichen thematischen Arbeit besonders das Thema
Künstlerhäuser und direkte Künstlerförderung
in den Fokus einer öffentlichen Auseinandersetzung rücken. Dies wird unter Einbeziehung zahlreicher ehemaliger Stipendiatinnen und Stipendiaten geschehen, unter Initiierung neuer thematischer Projekte unter Einladung an herausragende künstlerische Positionen sowie unter Einbeziehung ausgewählter Partner in Mecklenburg-Vorpommern, in Berlin und Nordeuropas. Über die
Entstehung und Präsentation von herausragender künstlerischer Arbeit
aus den vier Förderbereichen Literatur/Literarische Übersetzung, Bildende Kunst, Komposition und Tanzperformance hinaus wird die Bedeutung und Notwendigkeit von Künstlerhäusern thematisiert. Während des geplanten Festivalzeitraumes von einem Jahr werden erfahrene Fachkuratorinnenn und -kuratoren das Programm gemeinsam mit dem Trägerverein, seinem künstlerischen Beirat und den mitwirkenden Partnern gestalten.

Der stets notwendige und praktizierte Laborcharakter der Projektaufenthalte soll ebenso das Programm des Festivals prägen und sich in der Öffentlichkeit widerspiegeln. Starke eigene Impulse der Künstlerinnen und Künstler, Ideen der Kunstvermittler und KuratorInnen sollen und dürfen sich in zusätzlichen und eigens für das Jubiläum initiierten Projekten begegnen und die Arbeitsstruktur eines internationalen Hauses auch für die künstlerische Produktion der KünstlerInnen verdeutlichen. Das Konzept des Festivals beinhaltet deshalb nicht nur vorgeformte Ideen. Es wird auf Fragen der Bilder und Texte, der Musik und zu erschließenden Räume, auf aktuelle Themen und Personen reagieren. Es kann somit etwas entstehen, das die Macher und das Publikum gleichermassen überrascht.

DAS THEMA

Das übergreifende Thema Zuflucht – von der Sehnsucht des Paradieses wird alle Beiträge vereinen. Wir stellen fest: Einerseits wächst die Sehnsucht nach paradiesischen Orten inmitten unseres wohlhabenden und doch zunehmend hektischen und rasant sich verändernden auch von Krisen bedrohten Lebens. Nicht zuletzt sind es jene, um die uns heute brennenden Fragen in Ruhe und ohne Alltagssorgen zu überdenken, Abstand zu diesen manchmal quälenden Fragen zu bekommen oder auch rettende Antworten zu finden. Andererseits machen die Veränderungen besonders der Globalisierung vor den vorhandenen oder auserwählten Orten der Sehnsucht nicht halt. Chance und Verhängnis liegen auch hier nah beieinander. Das Thema sucht ganz bewusst nicht allein die verständliche Sehnsucht nach paradiesischen Zuständen, sondern möchte das Bewusstsein um das Paradies als Ganzes und Reales verstanden wissen. Wir möchten gleichermaßen die Verantwortung zum Schönen sowie ein Problembewusstsein für das uns Anvertraute wecken.

In seinem meisterhaften Erfolgsroman „Das Paradies ist anderswo“ erzählt Mario Vargas Llosa beispielhaft von der schöpferischen Kraft der Sehnsucht und von Glanz und Tragik einer Utopie an Hand der Geschichte über den Maler Paul Gauguin und seiner Großmutter Flora Tristan. Zu Beginn des Romans spielen Mädchen ein Spiel, bei dem wechselnde Figuren erfahren wollen: Ist hier das Paradies? Die Antwort: Nein mein Fräulein, das Paradies ist anderswo, fragen Sie an der nächsten Ecke. Und hinter dem Rücken des Fragenden wechseln die Mitspieler die Plätze und es beginnt erneut und stets geht es nur um die Frage: Ist hier das Paradies? Das Paradies ist anderswo. Fragen Sie an der nächsten Ecke, mein Herr.

Denn immer schon und viel zu oft ist uns das Paradies abwesend, nicht selten besonders an den Orten der möglichen Einlösung des Ersehnten. Eindringlich ist es jedoch als Imagination stets anwesend, gern als ein Ort fern von Zeitenlauf und Arbeitsfron. Wie gern würden wir uns üben in einem fraglosen Dasein als Gegenbild unserer flüchtigen und komplizierten Gegenwart. Die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments machte bereits den Bruch durch das Kosten vom Baum der Erkenntnis deutlich. Streben wir seither und immer schon wirklich vorwärts zurück? Oder müssen wir endlich die Angebote nur dankbarer betrachten, annehmen, gestalten? Das Paradies wird uns seither als Idylle sorglosen Müßiggangs und verschwenderischer Vegetation vorgestellt. Von geborgten Paradiesen ist die Rede. Doch auch dass es paradiesähnliche Orte bald nicht mehr geben wird, wenn wir nicht Sorge für deren Erhalt tragen, wird nicht unberechtigt gerade und immer wieder im gesellschaftlichen Kontext und der zeitgenössischen Kunst thematisiert. Andererseits: Utopien sind die Kraftquellen jeder Emanzipationsbewegung und deshalb titelt beispielsweise der Sozialwissenschaftler Oskar Negt sein neuestes Buch: „Nur noch Utopien sind realistisch“. In ihnen sei die Hoffnung auf Veränderung angelegt, vielleicht auch die auf paradiesische Verhältnisse.


Künstlerhäuser sind besondere Orte, die auf sehr spezifische Weise Sehnsuchtsorten sehr nahe kommen, ja als paradiesische Orte der künstlerischen Arbeit für bestimmte Zeit zweifelsfrei fungieren. Nicht selten liegen sie in Landschaften oder Orten, die das verstärken und sich dennoch schon beim ersten Blick verändern oder dem eigenen Vorstellungsbild entziehen. Die Künstler tragen ihre Fragen und Antworten in diesen Schutzraum hinein, lassen sie gerade hier entstehen und finden für diese so ergiebige, bereichernde und notwendige Arbeit den Abstand zur Reflexion über unser Sein, um erneut diese Ergebnisse in die „normale“ Welt zu tragen. Was wäre, wenn diese Arbeitsorte, diese Nischen mit ansatzweise paradiesischen Möglichkeiten zerstört würden?

Nicht selten sind Künstlerhäuser auch Anfeindungen ausgesetzt, weil sie als Arbeitsorte nicht ernst genommen werden oder weil gerade hier nicht nur Gemütliches entsteht. Oftmals geht es um Interventionen, die ungewöhnlich hinterfragen, die auf Missstände hinweisen, die die Gesellschaft nicht gern hört, aber so sehr braucht, um neue Wege zu öffnen in der Komplexität des heutigen Lebens. Dies nicht zuletzt, um Beiträge zu respektvollerem Umgang mit anderen Identitäten entstehen zu lassen. Die Künste haben wie die Wissenschaften mit ihren Methodiken darin eine Art Vorbildfunktion, um die unsicheren Verhältnisse und den Verlust an Gewissheiten in lebbaren Prozessen zu hinterfragen und neu zusammen zu setzen. Die Erfahrung der Künstlerinnen und Künstler sowie der Organisatoren und Unterstützer der Existenz von Künstlerhäusern zeigt, wie wichtig diese temporären Schutzräume sind, um einerseits wenigstens zeitweise frei von Alltagssorgen und Überlebensstrategien der künstlerischen Profession folgen zu können und andererseits gerade die Veränderung oder Verletzbarkeit unseres Seins sichtbar zu machen.

Die Ästhetik als Summe der Wahrnehmung in der Kunst beschreibt Friederike Mayröcker sehr trefflich: „Es gibt immer weniger das Problem, dass man Inspiration habe, sondern dass man sich eine unaufhebbare Verletzlichkeit bewahren kann – das heißt man darf sich der Welt gegenüber keinen Panzer zulegen wollen, so gern man das manches mal täte.“ Der Zwiespalt, der sich auftut bei der Sehnsucht nach paradiesischen Zuständen und jenen der paradiesisch geglaubten Orte mündet in einem Künstlerhaus stets zu gesteigertem Nachdenken mit einträglichen Folgen. Nutzen können dies die Besucher der lebendigen Kunstszene nicht nur in Ahrenshoop.




ORTE

Ahrenshoop mit dem Künstlerhaus Lukas als einem der ältesten Künstlerhäuser Deutschlands und Paul Müller-Kaempff als Mitbegründer der einstigen Künstlerkolonie Ahrenshoop legten den Grundstein für alles, was da nach real und im Mythos von Ahrenshoop folgen wird. Das Haus schreibt immer noch und mehr als je zuvor jeden Tag Geschichte durch die hier mögliche Arbeit der Künstlerinnen und Künstler, selbst wenn oft zunächst Ideen wachsen, Teile größerer Werke entstehen oder mitgebrachte Werke fertig gestellt werden und diese dann aus den paradiesisch geglaubten Zuständen in das „andere“ Leben getragen werden.

Wie weit kann sich der Ort Ahrenshoop mit seinem Künstlerhaus, seiner Umgebung, deren Veränderung und seinen daraus entstehenden Folgen einmal mehr als Paradies der Ideenschmiede verstehen und nicht als bedrohliche oder gar unnütze Tatsache? Ehemalige und künftige StipendiatInnen aus dem Stipendienprogramm, Leiter anderer Künstlerhäuser im nordeuropäischen Kontext, Partner aus dem Ort und der Region sind eingeladen, diese existenziellen Fragen und Antworten besonders zu bearbeiten und die Öffentlichkeit daran teilnehmen lassen.

Die Lage Ahrenshoops auf einer Halbinsel am Meer spielt zweifellos eine besondere Rolle, denn die Menschen schauen gern auf das Meer. Sie blicken auf das geglaubt Zeitlose, das Unendliche und atmen dankbar die gute Luft. Doch irgendwann müssen sie sich umschauen und auf den Gegensatz, ihren Lebensraum schauen, zudemdas Meer und seine Bedrohung gehört. Die Künstlerinnen und Künstler des Künstlerhauses Lukas tun das im Besonderen, denn sie verdeutlichen: wer am Saum der Meere baut, muss sein Werk an der Schönheit und Größe der Natur, aber besonders der Verantwortung ihr gegenüber messen lassen.

Wie geht es den Künstlerinnen und Künstlern, wenn sie erstmals oder wieder und wieder hier nach Ahrenshoop, in das Künstlerhaus oder an andere Orte der Sehnsucht kommen? Welche Rolle spielt die konkrete Vergangenheit der Orte, der reale Alltag, das Mitgebrachte, ein globaler Blick oder die selten zu stillende Sehnsucht nach was? Wie geht es den Menschen tatsächlich, die hier oder an den Orten unserer Kooperationspartner leben oder zu Besuch kommen? Das Festival möchte in einem spartenübergreifenden Kontext Fragen und mögliche Antworten formulieren.

Dass Mecklenburg-Vorpommern eine interessante Szene der Präsentation und Vermittlung zeitgenössischer bildender Kunst und Literatur aufzuweisen hat, dass diese sehr zur anspruchsvollen Stärkung des Tourismuslandes Mecklenburg-Vorpommern beiträgt und dem zur Folge eine größere Bedeutung als geistiger und zugleich Wirtschaftsfaktor zukommt als in der Öffentlichkeit reflektiert, soll in ausgewählten Kooperationen anlässlich dieses Festivals verdeutlicht werden. Die Notwendigkeit direkter Künstlerförderung und deren parallele Öffentlichwerdung in Museen, Literaturhäusern und privaten Galerien wird den Stellenwert von zeitgenössischer Bildender Kunst oder Literatur in diesem Sparten übergreifenden Kontext einmal mehr hervorheben. Es wird deutlich werden, dass der Ostseerand aus größerer Entfernung betrachtet, eine, eben seine kulturelle Aufgabe und Bedeutung zwischen den südlichen Bundesländern Deutschlands und dem sehr eigenen und interessanten nordeuropäischen Kulturraum hat.

Nicht zuletzt möchte das Festival herzlich und einladen, an der lebendigen Kunstentstehung und deren facettenreicher Sichtbarmachung genussvoll teilzunehmen.